50 Jahre Gebiets- und Verwaltungsreform im Saarland - Leseprobe und Autorenzitate
Leseprobe
Auszug aus dem Beitrag "Rehlingen oder Siersburg? Die Gemeinde RehlingenSiersburg als geglückter Kompromiss" von Christoph Lauer:
Die endgültige Entscheidung über den Namen [der Gemeinde] fiel jedoch erst vier Jahre später, als der saarländische Landtag mehrheitlich den Namen Rehlingen beschloss.
Als Reaktion darauf gründete sich in Siersburg die "Bürgerinitiative Siersburg", deren Ziel es war, den ursprünglichen Namen "Siersburg" wiederherzustellen. […] Martin Silvanus erinnert sich aus seiner persönlichen Erfahrung an die Entwicklungen und berichtet darüber:
„Die Vorgänge der Jahre 1973/74 erzeugten natürlich Betroffenheit und Verärgerung vornehmlich in den Orten, jetzt: ‘Gemeindebezirken‘, Siersburg und Rehlingen. Formulierungen und Begriffe, wie etwa „Verrat am Volkeswillen“, ein „Riss spaltet die Gemeinde“, „eine Hypothek lastet auf dem Start der neuen Großgemeinde“ prägten die Beurteilungen und Kommentierungen.
Tatsächlich wurde Volkes Wille sowohl in der Betrachtung der Rehlinger wie auch der Siersburger Bevölkerung grob missachtet! Es gründeten sich in beiden Orten Bürgerinitiativen, die in gelegentlich aufgeheizter Atmosphäre ihre Positionen vortrugen: Aus Rehlingen war dabei unmissverständlich zu hören, es nur allzu gerecht zu empfinden, dass die neue Gemeinde ‘Rehlingen‘ heiße, wenn denn dieser vormals selbständige, amtsfreie Ort nunmehr quasi zwangsweise dem neuen kommunalen Verbund angeschlossen sei.
Und Siersburg parierte mit dem Hinweis auf den skandalös undemokratischen Vorgang, dass in einer „Nacht- und Nebelaktion“ (oft genauso formuliert) der wohl begründete Name ‘Siersburg‘ geraubt worden sei.
[…]
Dass es in den ersten Jahren durchaus auch mal ruppig zugehen konnte und die Ergebnisse der Kommunalreform nicht einfach hingenommen wurden, zeigen folgende Begebenheiten über die Silvanus berichtet:
„Dazu fallen natürlich jedem, der sich noch erinnern kann, zunächst zwei Begebenheiten ein: ein abendlicher Fackelzug zur Siersburg, den die Siersburger Bürgerinitiative organisiert hatte und ein Vorkommnis anläßlich eines freudigen Ereignisses, der 100. Geburtstag eines Bürgers von Siersburg. Der Besuch des damaligen Ministerpräsidenten, Dr. Franz-Josef Röder, aus diesem Anlass wurde im Ort bekannt, wo dann zahlreiche Demonstranten den Regierungschef mit Protest-Plakaten und Zurufen nicht ganz freundlich empfingen.“
Ausgewählte Stimmen der Autoren zum Werk
Berthold Bastian
„Besonders interessant für mich war kurz nach meinem Eintritt in den Ruhestand als langjähriger Kommunalbeamter an einem Buch über die Gebiets- und Verwaltungsreform im Saarland mitwirken zu können. Diese Thematik hat mich in über 40 Berufsjahren als Beamter bei der Gemeinde Perl immer wieder begleitet. Aufgrund des vertrauten Themas war ich insoweit gerne zur Unterstützung meines vormaligen Dienstherrn bereit. Die Gebiets- und Verwaltungsreform von 1974 hat im Saarland zu einer - aus meiner Sicht - historischen Neustrukturierung der kommunalen Verhältnisse geführt. Der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung nach dem II. Weltkrieg Rechnung tragend, hatte die Reform zum Ziel, die kommunale Struktur im Land und die mit ihr verbundene Verwaltungsstruktur für die künftigen Aufgaben auf eine leistungsfähigere Grundlage zu stellen, ein hohes Ziel. Dies ist ihr sicherlich zu einem guten Teil gelungen.“
Raffaela Berger
„Seit Bestehen des Saarlandes reichte kein Reformwerk an das der kommunalen Gebiets- und Verwaltungsreform heran. Bereits im Vorfeld lösten die bevorstehenden, weitreichenden Änderungen kontrovers geführte Diskussionen in Politik und Gesellschaft aus. Spätestens, seit der Veröffentlichung der Neugliederungsvorschläge beschäftigte die Frage nach den künftigen Strukturen in der eigenen Stadt oder Gemeinde auch die Bürger und Bürgerinnen im Saarland. Während der Bearbeitung des Themas war es für mich von besonderem Interesse zu erfahren, wie intensiv sich die Menschen abseits der politischen Ebenen mit den Veränderungen auseinandersetzten. Einzelne Quellen zeigten deutlich, dass in einigen Ortschaften um den Verlust des Identitätsgefühls gefürchtet wurde, sobald der Heimatort der neuen Einheitsgemeinde angehört. Aus heutiger Sicht und ohne die persönliche Erfahrung `wie es damals war`, habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Bürger und Bürgerinnen Blieskastels keineswegs ihre Verbundenheit zum eigenen Stadtteil verloren haben.“
Werner Butz
„Die Ereignisse im Vorfeld der kommunalen Neugliederung sowie die eigentliche Gebiets- und Verwaltungsreform haben unseren Heimatort in besonderer Weise betroffen und auch bei mir nachhaltige Eindrücke hinterlassen. Von der Planungsphase bis zur Umsetzung der Reform herrschte in der Bevölkerung große Verunsicherung. Die schließlich getroffene politische Entscheidung entsprach nicht dem Mehrheitswillen der Mainzweiler Dorfbewohner und prägte das örtliche Selbstverständnis entscheidend. Eine erneute Auseinandersetzung mit diesem Thema nach fünf Jahrzehnten ließ nicht nur alte Erinnerungen wieder wach werden, sondern eröffnete zugleich neue Perspektiven auf einen wichtigen Abschnitt saarländischer Geschichte. Gerade die Gebiets- und Verwaltungsreform verdeutlicht, wie stark politische Entscheidungen in das Leben der Menschen und in gewachsene Strukturen eingreifen können. Ohne die Kenntnis dieser historischen Zusammenhänge bleibt das Verständnis für die heutige Situation unserer Heimat sowie für zukünftige Entwicklungen unvollständig.“
Dr. Markus Gestier
„Noch 50 Jahren später wirkt das Trauma der Gebietsreform in Rohrbach nach.
Die ehemals selbstständige Gemeinde verlor im Jahr 1974 ihre Eigenständigkeit und wurde nach St. Ingbert eingegliedert.
Für St. Ingbert war dies ein Gewinn und die neue Mittelstadt verzeichnete in der Folgezeit einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, von dem alle ehemals selbständigen Gemeinden der neuen Stadt profitierten.
Damit wurde auch der Verlust des Kreissitzes mehr als kompensiert.
Dennoch kämpften in Rohrbach Politiker und Bürgerverein mehr als 25 Jahre bis zur endgültigen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes im Jahr 1999 um „Freiheit für Rohrbach“.
Der langjährige Kommunalpolitiker und ehemalige Landtagsabgeordnete Dr. Markus Gestier lässt in seiner Darstellung die Auseinandersetzungen wieder lebendig werden.“
Christoph Lauer
„Die Kommunal- und Gebietsreform spielte in meinem bisherigen Leben nur eine untergeordnete Rolle, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass ich erst nach ihrer Umsetzung geboren wurde. Gleichwohl wurde ich in meinem Heimatort immer wieder, insbesondere durch Gespräche mit älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern, mit diesem Thema konfrontiert. Durch den vorliegenden Aufsatzband eröffnete sich mir die Möglichkeit, mich intensiver mit der Reform auseinanderzusetzen, was mein Interesse unmittelbar weckte. Die Kommunal- und Gebietsreform stellte dabei keineswegs lediglich einen Verwaltungsakt dar, sondern hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Menschen in den Kommunen sowie auf deren gewachsene Identitäten.“
Prof. Dr. Peter Moll
„An der Gebietsreform im Saarland mitzuarbeiten, war eine großartige Aufgabe, wie man sie selten in seinem Berufsleben bekommt. Um einen Beitrag zu leisten, die kommunale Landschaft zukunftsfest neu zu strukturieren, fühlte ich mich als Landesplaner mit Studienschwerpunkt Sozialgeographie sehr gut vorbereitet. Alle 345 Altgemeinden des Saarlandes hatte ich zuvor aufgesucht und ihre strukturellen Merkmale kennengelernt.
Eine wichtige Folgeaufgabe nach der Gebietsreform war für mich die Betreuung der Gemeindeentwicklungsstudien, die für die neu gebildeten Großgemeinden den innergemeindlichen Interessensausgleich vorbereiten sollten.
Meines Erachtens stand das Saarland nach dieser Reform seiner Kommunalstruktur gut da. Es hatte bewiesen, dass es reformfähig war und sich auf zukünftige Erfordernisse gut vorbereiten konnte.“
Werner Rauber
„An dem Projekt hat uns gereizt, darzulegen, was eine Gemeinschaft gegen viele Widerstände erreichen kann. Der ‚Kampf‘ um die Zusammenstellung der einzelnen Gemeinden im oberen Bliestal war schon etwas Besonderes. Die vielen Aktionen – z.B. eine Demonstration bei der Klausursitzung der CDU-Fraktion in Orscholz – aber letztendlich für die Bürger von Erfolg.“
Udo Recktenwald, Landrat des Landkreises Sankt Wendel
„Der Rückblick auf die intensiven, heftig geführten Diskussionen um die Gebiets- und Verwaltungsreform im Landkreis Sankt Wendel zeigt deutlich: Auch wenn die Lage mitunter aussichtlos erscheint, lohnen Mut und Wille, lohnt das demokratische Einstehen und Kämpfen für die eigenen Interessen, für die Interessen der eigenen Bürgerinnen und Bürger. Schließlich stand vor über 50 Jahren die Fortexistenz unseres Landkreises auf dem Spiel. Gegen diese Pläne formierte sich ein breiter und lebhafter Widerstand, geradezu in letzter Minute wurde so die Auflösung unseres Kreises verhindert. Natürlich gehörte auch etwas Glück dazu – doch ist das Glück nicht nur sprichwörtlich meistens bei den Tüchtigen. Und das waren und das sind wir im Landkreis Sankt Wendel, wenn es um das Wohl unserer Heimat und unserer Bürgerinnen und Bürger geht. Und noch etwa zeigt der Rückblick: Der Landkreis Sankt Wendel wurde schon vor 50 Jahren nicht nur als eine Verwaltungseinheit angesehen, sondern als ein Identitätsangebot, als ein Wir-Gefühl. Ein Wir, für das das kämpfen lohnt.“
